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Preikestolen oder die Tour der Leiden

Nach einer schönen Fahrt entlang der Küste laufen wir eine Runde durch Stavanger. Wir parken am Skagenkai und gehen dort ein paar Meter zu einigen merkwürdigen, bunten Gebilden. Beeindruckend, ein Spielplatz gebaut aus Teilen einer alten Ölplattform. Das ganze ist sehr einfallsreich gestaltet und Spiel- und Tummelplatz für Groß und Klein.

Die geplante Dombesichtigung, lassen wir auf Grund des doch recht hohen Eintrittspreises, 10 Euro pro Nase ausfallen. So sehr stehen wir dann doch nicht auf altes christliches Gemäuer.

Anschließend ging es in die Altstadt, wo richtig der Bär steppte. Mit Hafenfest, überfüllten Straßencafès und Menschen über Menschen.  Wir gönnten uns ein "Natureis" und schlenderten ein bisschen über den Markt.

 

 

Nice to see, aber wir stellen schnell fest, wir wollen Natur.

Ganz in der Nähe liegt der Lysefjord mit dem Preikestolen, einer Felsplatte 600 m über dem Fjord.

 

Diese Wanderung habe ich, aufgrund meiner mangelnden Kondition, eigentlich schon abgeschrieben, aber bei dem Wort Preikestolen bekommt Christoph so ein Leuchten in die Augen. Und eigentlich ist er ein Muss für Norwegen Besucher.

Stavanger hinter uns lassend, packe ich gedanklich meinen Rucksack, um ja nichts zu vergessen, was mein Überleben auf dieser, laut Wanderführer sehr anstregenden Tour, sichern könnte. Und das Ganze bitte mit möglichst leichtem Gepäck. Nur die Nikon, die Nikon muss mit.

Vor Ort treffen wir , nach entrichten der Parkplatzgebühr von 20 Euro, erst mal in aller Ruhe die notwendigen Vorbereitungen.

Um es vorweg zu nehmen, die Parkgebühr ist es wert, wenn man es als Weggebühr sieht. Denn wer auch immer diesen Weg befestigt hat, Chapeau!!!

 

Um 15.30 Uhr gehen wir los. Vier Stunden soll man im Minimum einplanen, jedenfalls als Normalsterblicher. Denn es geht auch anders, wie wir lernen.

Und da es ja ewig lang hell ist, ist also kein Grund zur Hektik. Und damit diese gar nicht erst aufkommt (für mich) trennen wir uns. Ich will die Tour in meinem Schritt gehen und dabei in Ruhe fotografieren können. 

Christoph ist schnell außer Sichtweite, aber alleine bin ich nie. Ein steter Strom von Preikestolen-Touristen zieht in beide Richtungen. Ich mittendrin. Japaner in Schläppchen, Frauen in  Espadrilles kamen mir entgegen und ich denke noch: kann ja so schlimm nicht werden. Ein paar junge Leute kommen mir entgegen gerannt. Jaja, die Jugend hat es halt eilig und spart sich die Aussicht. Der erste Anstieg kommt in Sicht, der erste von vielen.

Und wieder kommen Leute die Stufen herunter gerannt. Plötzlich joggen andere an mir vorbei nach oben. Ein wahrer Lauf, der zwischen all den Wanderern stattfindet und mir langsam aber sicher den Angstschweiß ins Gesicht treibt. Hier und da wird gestolpert und sich gerade im letzten Moment noch gefangen. Ein Mann der mir entgegen kommt, fällt auf mich zu, schafft es gerade noch sich irgendwo zu halten, grinst mich an und sagt: "Da haben wir beide aber Glück gehabt".

 

Da ich meinen Wanderstock normal nur für den Weg herunter nutze, hängt dieser noch am Rucksack fest. Jetzt kommt jedoch der Zeitpunkt ernsthaft zu überlegen ihn zur Verteidigung einzusetzen. Ich halte mich zurück. Da kommt der nächste Schrecken auf mich zu, ein junges Ehepaar mit  Säuglingen im Tragetuch und so langsam keimt Wut in mir auf. Wenn sich so täppische Touristen in leichten Schläppchen selbst gefährden, Ok, aber Säuglinge. Ein Stück ebene Fläche durch ein Hochmoor besänftigt mich mit atemberaubender Schönheit. Aber der nächste Aufstieg ist schon in Sichtweite und mir fällt gleich Karl Mays "Durchs wilde Kurdistan" ein. Nein, nicht nur wegen der Landschaft sondern wegen der Großfamilie die am Fuße des Aufstieges verweilt und deren Frauen schon auf Grund ihrer Kleidung wirken wie dem wilden Kurdistan entsprungen. Die Clan-mutter, nicht mehr die jüngste, braucht eine Pause und ich ziehe den Hut. Dann ziehe ich vorbei in den Aufstieg. So geht es lange und immer mehr Höhenmeter als Meter, die da zu machen sind. Aber in meinem Tempo lässt es sich angenehm laufen und ich komme gut voran. Ein kleiner wunderschöner See würde bei höheren Temperaturen zum Baden einladen, aber ich bin dankbar, dass es heute nicht zu warm ist.

Im weitern Verlauf  kommt mir dann eine Frau auf Krücken mit einer Knieorthese entgegen und ich bekomme den Mund nicht mehr zu. Als nächstes ein Mann barfuß. Seine Zehenschuhe trägt er am Rucksack befestigt durch die Landschaft. Er ist dann auch noch ein ganz netter, nimmt mir meinen Wanderstock, den ich mittlerweile bergab einsetze, aus der Hand, stellt ihn mir anders ein, strahlt mich an und wünscht mir viel Spass :) .

 

Hier ist was los. Und immer weiter geht es, neue Stufen, Plateaus und Steinwälle sind zu passieren. Ich bin erstaunt wie gut ich voran komme und kann die ganzen noch untrainierteren Menschen (meistens Japaner) bedauern. Einige Frauen werden mehr herunter getragen, als das sie selbst noch laufen können. Auf einmal kommt mir ein bekanntes Gesicht entgegen und sagt "Gleich bist du oben." Christoph möchte den Rest Weg mit mir noch einmal gehen. Ich bin froh, denn jetzt kommt die größte Herausforderung für mich, nicht die Treppen und die Klettereinlagen machen mir zu schaffen, nein jetzt kommen ausgesetzte Wegstücke und meine Höhenangst suggeriert mir ständige Nahtoderfahrung.

Aber plötzlich bin ich oben. Und es ist atemberaubend schön. Ich bin verschwitzt und dreckig aber glücklich.

Erst schaue ich mich vorsichtig um, bevor ich mich ein paar Meter auf das Plateau wage, dann schaue ich den ganz Mutigen zu, die sich an die Kante 600m über dem Fjord setzten oder gar darauf herum hüpfen. 

Dann kann ich ein paar Aufnahmen machen, bevor wir uns langsam auf den Rückweg begeben. Der Anfang ist aus meiner Sicht echt grauenvoll, ich weiß ich soll nicht hingucken. Leichter gesagt als getan. Dann haben wir "leichteres" Gelände erreicht. Auf einem großen Plateau kommt uns eine Frau mit zwei Kindern entgegen gejoggt. Man haben die eine Energie. Kurz darauf treffen wir auch wieder den Clan aus dem wilden Kurdistan.

Wer kennt das nicht, ein weiter Hinweg erscheint zurück viel kürzer. Heute muss ich eine neue Erfahrung machen. Mit meinen kurzen Beinchen ist es viel mühevoller die großen Felsstufen und Brocken runter zu gehen, wie vorher bergauf. Ohne meinen Stock wäre ich jetzt restlos verloren. Bei jeder Stufe muss ich mehr oder weniger fast springen und der Weg wird immer länger. Mittlerweile aber auch ruhiger und so lässt es sich ganz gut voran kommen. Ab und an kommen uns jetzt junge Leute mit Zelt und Schlafsack entgegen. Den Sonnenaufgang auf dem Preikestolen erleben, das ist ja wohl richtig cool.

 

Dann kommt von hinten mal wieder ein Pärchen im Jogginganzug angerannt, dabei frage ich mich eigentlich nur noch wie ich denn überhaupt hier herauf gekommen bin. Schön, das mir dennoch immer wieder Zeit bleibt die Natur zu bestaunen. Und dann, auf einmal sind wir unten. Man habe ich einen Kohldampf. Dem kann mit einem Vesperbrot mit Rührei und Pilzen abgeholfen werden. Campingplatz ist heute Abend allerdings nicht mehr, also Katzenwäsche und ab ins Bett. Im Schlaf bin ich die Tour dann noch ein paar mal gelaufen, glücklich und ein bisschen stolz.

 

Ach und warum jetzt die Tour der Leiden, mir ging es doch ganz gut. Ja, viele, viele Menschen haben sich gequält nur um oben anzukommen und diese Aussicht zu erleben. Diesen Menschen, die gekämpft und durchgehalten haben, denen möchte ich die folgenden Bilder  widmen.

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